Flashback

 

So langsam gerate ich in ein Alter, in dem ein Blick zurück gestattet ist. Ich denke dabei an nichts Besonderes, doch immer wieder tauchen Bilder auf, die zeigen, dass Geschehnisse, die ich längst als vergessen wähnte, urplötzlich wieder da sind, als lägen dazwischen nicht ein halbes Jahrhundert Menschenleben! Und so hautnah gehen sie dich an, diese Gefühle und Gedanken, als wären sie dir erst gestern zugestoßen.
Irgendwo müssen wir ein Archiv angelegt haben, von dem wir jedoch die Registratur nicht kennen und somit auch nicht wissen, was alles in diesem Archiv gespeichert wurde. Es gibt auch keinen Knopf, auf den ich drücken könnte, um das ganze Archiv mit einem Mal zu löschen. Nein, da lob ich mir meinen Laptop, der mir Möglichkeiten an die Hand liefert, die ich in meinem persönlichen Leben nur wünschen könnte. Oder gibt es vielleicht doch eine Möglichkeit, Herr im eigenen Haus zu sein und ich kenne sie nur nicht? Freud hatte ja bekanntlich den Königsweg zu diesem inneren Archiv den Traum bezeichnet und einige meiner Kollegen und Kolleginnen haben sich zu echten Virtuosen unter den Psychoanalytikern entwickelt und wissen Erstaunliches darüber zu berichten. Ich höre dann immer mit offenem Mund zu und kann ihn vor Erstaunen nicht wieder schließen. Potz Tausend! Was können die alles nur aus den Träumen herauslesen, worauf kein „gesunder“ Menschenverstand je gekommen wäre. Nein, auch die alten Traumdeuter hätten nie geglaubt, dass unsere Träume quasi ein offenes Buch sind – allerdings nur für diejenigen, die gelernt haben, darin zu lesen. Das habe ich nur zu einem Teil gelernt, weil ich bald merkte, dass diese Deuterei nur dahinführe, alles in eine andere Sprache zu übersetzen. Wer sagt mir, dass diese Sprache auch wirklich das Innere der Menschen widerspiegelte? Wer Lacan kennt, weiß, wie schwierig das werden kann und wie virtuos manche in diesem Sprachregelwerk werden können. Ich suchte einen direkteren Zugang zu jener Welt, die mir in den Träumen begegnete.
Später ging ich dann zur Philosophie und wollte meine Neugierde über den Menschen und seine Seele über den Intellekt erfahren. Eine sehr aufschlussreiche Zeit, die ich nicht vermissen möchte. Doch auch die Philosophen interpretieren das Geschaute auf ihre Weise. Wer einen ihrer Bausteine nicht akzeptierte, der lehnte auch das Gebäude ab, das darauf errichtet wurde. Und schon hatten sie die schönsten Dispute und Streitereien, die sich Menschen nur ausdenken können. Manche gingen den kompliziertesten Windungen des Denkens nach, andere wiederum lobten einen Aspekt der Schöpfung – so sie sie akzeptierten – und bastelten ein in sich konsistentes System, mit dem sie dann die Welt nach ihrem Willen und ihrer Vorstellung zusammenzimmerten. Selten stieß ich auf einen Philosophen wie Platon, der eine Gesamtheit, also eine holistische Sicht der Dinge lieferte. Heidegger, der ja bekanntlich wieder hinter Platon zurückwollte, um es salopp auszudrücken, war gezwungen ebenfalls umfassend zu denken, um ihn zu widerlegen und der auf einen anderen Anfang im Denken setzte. In seiner Gründlichkeit hat er mir die Augen geöffnet und eine Möglichkeit geschaffen, mich selbst besser zu verstehen, sofern es denn überhaupt noch etwas zu verstehen gäbe.
Als ich in die Situation kam, meine durch Geburt angenommene Religion zu verstehen, ergriff ich die Möglichkeit beim Schopf. Ich tauchte in die tiefsten Tiefen der islamischen Religion und speziell der Schia als Konfession ein. Ein Arabisch- und Islamstudium folgten über Jahre – das alles neben meiner beruflichen Tätigkeit als Hochschullehrer für Erziehungsphilosophie und Germanistik. Es war ebenfalls eine fruchtbare Zeit, die ich nicht aus meinem Leben denken möchte. Vieles, was vorher nur in mir dahinschlummerte, erwachte nun zu einem Licht, das mein Leben in eine sinnvolle Tätigkeit wandelte. Das Faszinosum des Heiligen hatte mich ergriffen. Die Scharia stellte sich bald als das große Hindernis für meinen Wissensdurst heraus und schnell wandte ich mich auch hier der geistigen Annäherung an die Religion zu. Im Irfan, der gnostischen Mystik, wie sie Annemarie Schimmel nannte, lernte ich eine Seelenwelt kennen, deren Ausmaße mich erschütterten. Aus dieser Erschütterung trat ich als Qalandar, jene „Derwische“, die sich in keine Schublade stecken ließen, somit auch keinem Orden angehörten. Durch ihr Äußeres und durch ihr Verhalten, gaben sie den Menschen Stoff zum Denken und sind im wahren Sinn Anstoß für deren Reaktionen – anstößig.
Schließlich lernte ich meinen heutigen Meister kennen, der aus Indien ist und in der ganzen Welt seine Botschaft der Liebe verbreitet. Nicht dass ich ihn mit offenen Armen begrüßt hätte, nein, dazu war meine philosophische Ausbildung ein großer Hemmschuh, auch wenn ich in der Zwischenzeit der Mystik sehr angetan war. Doch das lief durch den Kopf, der zunächst alles filterte, was sich mir in den Weg stellte. Ausgerechnet dieser Meister erklärt mir nun, ich müsse die Reise vom Kopf zum Herzen antreten! Eine große Herausforderung, zumal ja alles, was ich aus der Geschichte der Menschheit gelernt hatte, war, dass sie nicht auf ihren Kopf gehört haben, sondern auf ihr Herz, also dem Sitz der Gefühle. Nun sollte es also wirklich mystisch werden mit mir. Kein Wunder, dass sich bei mir alles sträubte.
Doch dann erlebte ich den Meister in seinem Wirken. Noch nie sah ich einen Menschen, der das, was er predigte, auch selbst ausübte. Ein Prinzip, das ich mir seit ich denken kann zum Ziel gesetzt hatte. Viele meiner Unternehmungen scheiterten an meinem moralischen Gewissen. Nun stand jemand vor mir, der genau das lebte, was er sagte. Ein Musterbeispiel, was mir zeigte, dass es geht, in der Gesellschaft zu sein und dennoch der Ethik zu frönen. Kein Buch, keine Empfehlung, keine Überredungskunst von Freunden konnte mich so überzeugen wie das eigens Gesehene und Erfahrene. Nach anfänglichem Widerstand habe ich mich auf die Reise vom Kopf zu meinem Herzen gemacht – ein abenteuerlicher Weg, auf dem ich heute noch wandle und dessen Ende nicht abzusehen ist.
Und heute kommen diese Gedanken an früh geschehene Dinge wieder hoch, nicht um mich zu belästigen, nein, wie um zu sagen, jetzt verabschieden wir uns für immer. Sie werden aus meinem Gedächtnis gelöscht, nachdem ich sie noch einmal erleben durfte. Und der Knopf, der mir beim Laptop hilft, Unbedeutendes aus dem Speicher zu löschen, der ist in meinem jetzigen Leben die Meditation, die ich ebenfalls durch meinen Lehrer gelernt habe. Seit ich meditiere habe ich mich gewandelt und konnte mich von meiner Kopflastigkeit befreien. Endlich kann ich denken und gleichzeitig mein Herz auf dem rechten Fleck haben. / Zürich, 19. Juli 2017

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