Reisebericht

 

Bei meiner Durchsicht der vielen Webseiten über Iran bin ich dank eines Hinweises von Denise auf folgenden Blog gestoßen, der ziemlich anschaulich über Iran bzw. Teheran berichtet. Da ich diese Seite für empfehlenswert halte, möchte ich sie meinen Besuchern nicht vorenthalten.
Here you go: https://www.travelita.ch/salam-teheran-iran-reiseguide/
Sämtliche Bilder: © Anita Brechbühl

Restaurant-Gilac-Teheran
Essen aus Gilan in Teheran

Viel Spaß beim Lesen. Und wenn Sie sich entschlossen haben, dahin zu reisen, dann fragen Sie bei mir nach. Ich habe für jedermann/jedefrau ein Programm.
/ Zürich, 09.08.2017

Darband-Teheran
Darband – der beliebte Ausflugsort für Iraner

Spannendes aus Iran

2017-07-31 21.55.37

„Wieder ein Buch über Iran, wieder jemand, der meint, sich zu Iran äußern zu müssen“, so dachte ich, als ich das Buch in einer Buchhandlung am Hottingerplatz entdeckte. Etwas widerstrebend nahm ich das Buch vom Regal und schmökerte kurz darin. Was mich gleich in Bann zog, war die Sprache des Buches. In ruhigen Zügen schildert hier eine Journalistin ihre persönlich erlebten Eindrücke eines Landes, das selbst für Einheimische manchmal nur sehr schwer zu durchschauen ist. Und sie macht es gut. Ihre vorsichtige Herangehensweise, ihre behutsame Beschreibung der Situationen und Menschen, ohne Besserwisserei, ohne je sich in den Vordergrund zu drängen, gelingt es dieser Autorin, sich in das Herz jedes Iranliebhabers einzuschreiben. Sie lässt die Menschen selbst erzählen, rundet ihre Aussagen mit eigenen Recherchen ab und stellt sie der offiziellen Darstellung gegenüber. Herausgekommen ist ein Buch, dass nicht nur durch ihre Sachlichkeit besticht, sondern auch durch eine einfühlsame Art für die unterschiedlichen Probleme der Iraner selbst. Kurz und gut: Wenn Sie mit dem Buch durch sind, haben Sie das Gefühl, sie könnten es gleich wieder lesen. Nicht weil sie nichts verstanden haben, beileibe nicht, sondern weil sie hier zum ersten Mal die Seele der Iraner und Iranerinnen vor sich spüren. Mit diesem Buch kommt der Leser dem Innenleben der iranischen Bevölkerung erstaunlich nahe und dies geht eben nur, in dem Charlotte Wiedemann sich auch in ihrer schriftlichen Fassung dem geheimnisvollen Treiben der Iraner und Iranerinnen anpasst. Ihre Kernaussagen kommen unverhofft inmitten der Beschreibung eines Charakters oder einer Situation im Bazaar bzw. wenn sie religiösen Ansichten nachgeht. Sie scheut sich auch nicht, so schwierige Themen wie Modernität, Technologie oder das Trauma aus dem irakischen Aggressionskrieg gegen Iran aufzunehmen. Aus welchem Schatten tritt Iran? Des Rätsels Lösung finden Sie im Buch.

Wer nach Iran reisen möchte, der dürfte mit diesem Buch eine der besten Vorbereitungen getroffen haben. Und nach dem Lesen alles selbst im Land in Augenschein zu nehmen, ist der beste Dank an die Arbeit der Autorin.

Hier folgen einige Zitate in lockerer Folge aus dem Vorwort eines Buches, das ich nur jedem wärmstens empfehlen kann:

„Selbstbild, Fremdbild – wie die Iraner sich selber sehen und wie sie aus dem Westen betrachtet werden, das ist der Ausgangspunkt dieses Buches. (Aus dem Vorwort, S. 7) … Mein Bild von Iran beruht vor allem auf meinen eigenen Erfahrungen. Es ist also der Natur nach subjektiv, auch wenn ich mich um etwas bemühe, was im Fall Iran selten eingefordert wird. Ausgewogenheit. (S. 9) … Ich war eine Art Märtyrerin und erlebte zum ersten Mal, wie Iraner das Leiden verehren, wenn es dem Kampf gegen Unrecht geschuldet ist. (S. 10) Das Selbstwertgefühl der Iraner weist viele Brüche auf; ihnen wird in diesem Buch immer wieder nachgegangen, denn sie scheinen mir ein Schlüssel zum Verständnisses des Landes zu sein. … Sich zugleich überlegen und unterlegen zu fühlen, ist ein typisch iranischer Komplex. … Viele Iraner wünschen sich sehnlich, die Isolation zu überwinden und wieder als geachtetes Mitglied der Gemeinschaft der Nationen zu gelten. Da es der Westen war, der die Islamische Republik unter Bann gestellt hat, galt jeder westliche Tourist früher als möglicher Vorbote eines Tauwetters. Heute, da Besucher in größerer Zahl kommen, fungieren sie als Kronzeugen einer neuen Zeit. (S. 10-11) … Iran fasziniert mich, weil es sich schnellen Deutungen immer entzieht. … Komplex sind die Machtstrukturen und Entscheidungsprozesse, der ständige Konflikt zwischen den theokratischen und den republikanischen Elementen des Systems. (S. 12) … Tatsächlich hat die Frage, wie westlich sie sein wollen und wie sie sich zu einer westlich definierten Moderne verhalten, die Iraner seit mehr als einem Jahrhundert immer wieder umgetrieben. Die Frage begleitet deshalb auch dieses Buch. (S. 13)“

Buchbesprechung: Wiedemann, Charlotte: Der neue Iran. Eine Gesellschaft tritt aus dem Schatten. München: dtv, 2017.

In Iran oder Im Iran?

Vor vielen Jahren fragte mich jemand in einem der Foren, die ich früher öfters besuchte, etwas über die Artikel im Deutschen, wenn es um Ländernamen geht. Dies ist ein Ausdruck aus der Antwort von damals. Die genaueren Umstände sind mir entfallen. Daher bringe ich hier mutatis mutandis alles so, wie ich auf die Frage geantwortet habe, bis auf eine Ergänzung und einige kleine Änderungen im Text. Das kursiv Geschriebene steht in direktem Zusammenhang zur Frage oder ist die Frage selbst:

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  • „Interessant wäre auf jeden Fall zu wissen, worin die (wenigen) männlichen Artikel vor Ländernamen wie Iran, Irak, Tschad etc. ursprungsetymologisch wurzeln, die inzwischen im Politiker-Speak auf der Tabuliste stehen …“
    Irgendwann hatte mich das als Sprachlehrer aber auch als Iraner sehr gestört, dass Iran ständig mit einem Artikel geschrieben wird. Im Laufe der Jahre habe ich einige kluge Antworten erhalten, die mich alle nicht so recht zufrieden stellten. Der Duden empfiehlt ohne Artikel und gibt aber auch an, dass der Artikel ebenfalls Verwendung findet. Damit konnte ich ebenfalls nichts anfangen. Und wenn wir die Medienlandschaft ansehen, dann benutzen einige den Artikel (Tages-Anzeiger, SZ u.a.) und andere (NZZ, FAZ, SZ, Spiegel etc.) wiederum nicht. Auffallend ist, überall wo Orientalisten journalistisch wirksam sind, fällt der Artikel bei Iran weg; viele in der Medienlandschaft folgten dieser Gepflogenheit ihrer „gelehrten“ Kolleginnen und Kollegen (einzig die SZ folgt einem gemischten Sprachgebrauch, den ich nicht nachvollziehen kann, obwohl ich mich dort ebenfalls schon mit Beiträgen zu Wort gemeldet habe). Ist es also dem Einzelnen überlassen, wie er sich zu verhalten habe? Was ist dann Sprachgefühl, wenn sich einige dafür oder dagegen entscheiden können? Aus der Sicht des jeweils Anderen lässt der Benutzer jegliches Sprachgefühl vermissen. Hier also meine Antwort, die ich auch auf meiner Homepage veröffentlicht hatte, aber im Zuge der Migration der Homepage auf verschiedene Server verloren ging. Daher erfolgt hier zum ersten Mal eine Neufassung dieser Gedanken, ohne die Antwort einiger Kollegen und Kolleginnen in diesem Forum vorzugreifen, deren Sprachkenntnis ich sehr zu würdigen weiß:„Inzwischen bin ich dank der Veröffentlichung eines interkulturell-arabisch gebildeten Kirchenmannes auf eine einleuchtende Begründung dafür gestoßen, wieso das AA so erpicht darauf ist, Irak und Iran im Deutschen doch um des lieben Friedens willen bloß nicht mit einem männlichen Artikel zu verwenden: Des Rätsels Lösung – im Arabischen gelten Ländernamen grundsätzlich als weiblich.“
    Seltsam, ich habe das ganz anders gelernt. Nach langem Recherchieren und Anfragen bei Kollegen, komme ich zum gegenteiligen Schluss. Auf jeden Fall ist der Artikel im Arabischen neutral; wird das Nomen jedoch zusammen mit einem Adjektiv erwähnt, zeigt sich erst das Geschlecht des Nomens. Und beim Irak wird das Adjektiv immer männlich dekliniert, so dass die Fachleute daraus schließen, Irak müsse männlichen Geschlechts sein. Ich habe mir Ihren Verweis im Internet angesehen („Das Arabische unterscheidet nicht zwischen männlichem und weiblichen Artikel. Im Arabischen gelten Ländernamen grundsätzlich als weiblich und werden in Verbindung mit anderen Wörtern als weiblich behandelt, unabhängig von der Form. Nach deutschem Sprachgefühl dagegen müsste Irak männlich sein.“), komme aber zum gegenteiligen Schluss: Wenn im Deutschen Irak mit männlichem Artikel geschrieben wird, dann entspräche das auch der Deklinations-Regel im Arabischen. Daher heißt es also zu Recht: der Irak. –
  • Anders ist es jedoch mit Iran:
    Die persische Sprache kennt keinen Artikel.
    2. Die persische Sprache kennt auch keine gechlechtsspezifische Deklination. (Es existiert nicht einmal ein geschlechtsbezogenes Pronomen.)
    3. Aus den beiden vorher genannten Punkten können wir schließen, dass Iran auch im Deutschen ohne Artikel zu stehen habe. Wer also Iran ohne Artikel schreibt, dürfte auch der Sprache der Iraner gerecht werden.
    4. Es fragt sich dennoch, wie der Artikel für Iran in die Sprache eingeschleust worden ist. Meine einzige Erklärung wäre folgende:
    Der erste längere und für die Kultur so wichtig gewordene Kontakt zum Westen erfolgte für die Iraner über Frankreich. Es ist allgemein bekannt, dass nicht nur Iraner, sondern vor allem alle arabisch sprechenden Völker Mühe haben, zwei Konsonanten ohne Verbindungsvokal (oder Fugenvokal) auszusprechen. (Erstaunlicherweise haben auch Spanier „Españia“ diese Eigenart.) Daher mutierten die „Franken“ zu „Faranken“; und weil das „k“ für die damaligen Iraner, die vor allem türkischstämmig vertreten waren, ebenfalls zu schwer auf der Zunge lag, mutierte das Wort weiter zu „Farangen“, was bis heute im Wort „Farangi“ als Oberbegriff für Fremder/Ausländer erhalten geblieben ist. Und weil, wie wir ja jetzt schon mehrmals gehört haben, die Franzosen sämtliche Länder mit Artikel belegen, die meisten davon männlich, ist es wohl ein Leichtes zu schließen, wie dann der Artikel zu Iran auch von Iranern selbst ins Deutsche eingeschleust wurde. Iraner, die nach der Namensänderung von Persien zu Iran – (eine Namensänderung, die uns die Pahlawi-Dynastie unter Reza Schah beschert hat; vorher und für eine kurze Zeit sogar unter Reza Schah hieß das Land „Persien bzw. Persia“; ab ca. 1935 steht Iran als Ländername fest, was auch nach der Revolution nicht geändert wurde) – mit der deutschen Sprache in Berührung kamen, benutzten sofort den männlichen Artikel für ihr Vaterland. Da – außer bei den Orientalisten und Sprachwissenschaftlern – sehr lange nicht bekannt war, dass Persisch keiner semitischen sondern der indo-germanischen Sprachgruppe angehört und somit auch nicht wie die arabische Sprache zu behandeln sei – auch kulturell zählen die iranischen Stämme nicht zu den Arabern –, und weil Irak und Iran sehr ähnlich klingen, wurden beide Ländernamen mit dem gleichen Artikel versehen.Fazit: Nach allem Gesagten steht für mich fest, dass „der Irak“ völlig korrekt ist und „Iran“ keines Artikels bedarf. Vieles lässt sich zwar mit Sprachgefühl erklären, doch manchmal geht die Sprache eigene Wege.Diese Erklärung betrifft nur Ihre Frage im Titel und bezweckt überhaupt keine Erklärung für eine allgemeine Regel bei der Vergabe von Artikel oder der näheren Bestimmung bei geographischen Namen oder gar deren geschlechtsspezifische Zuordnung. (Ihr Versuch nach einer Regelung wie Ir-an, Sud-an, Om-an, etc., die allesamt einen männlichen Artikel haben, trifft – zumindest für Iran – nicht mehr zu.

Farsin Banki

Der Urgrund der Seele

Gestern war ich auf einer kleinen Geburtstagsfeier eines langjährigen Freundes, den ich von der gemeinsamen Studienzeit her kenne. Es war ein enger Kreis von Freunden geladen, die sich sehr gut unterhielten.
samsaraWiegenfeste sind dafür da, damit sich die Seele an seinen Ursprung erinnert und weiß, woher sie gekommen ist und von was sie ein Teil ist. Es ist schön, dass jemand unter uns weilt und uns zu seinem oder ihrem Freund erkoren hat. Welch Ehre! Wer den Lebensabschnitt der Seele nicht auch durch den Tod als Ende der Seele sieht, der weiß, dass es danach noch weitergehen wird. Die Reinkarnation ist ein Thema, das sich ergibt, wenn wir davon ausgehen, dass die Seele in dieses Leben getreten ist, um sich von Taten aus einem früheren Leben (Karmagedanke) zu reinigen und solcherart gereinigt nach dem Tod wieder zu erscheinen. Der Zyklus (Samsara) dauert so lange an, bis die Seele geläutert als aufgeklärte Seele ihn für immer verlässt. Nur diejenigen unter den Seelen kommen wieder, um andere zu führen, und zwar freiwillig.

Ich muss gestehen, dass diese Lehre im Gegensatz zu anderen eine große Faszination auf mich ausübt. Doch diese Faszination ist neu. Sie war nicht immer vorhanden, im Gegenteil, aufgrund meiner Gedanken und meines Studierten, ob Religion oder Philosophie, lehnte ich diese Lehre ab. Wie eng und begrenzt ich die Welt doch nur sah! Doch kenne ich noch nicht alles aus dieser Lehre. Sie ist ein weites Feld und ich muss noch viel dazulernen. / 22. Juli 2017, Aagau und Zürich

Gewalt in Hamburgs Straßen

 

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Copyright: Hamburger Abendblatt

 

Das Treffen der G20 in Hamburg wurde durch die fulminanten Straßenkämpfe überschattet. Auch ich bin der Meinung, dass Opposition sein muss und demonstriert werden darf, doch wenn die Gewalt solche Ausmaße annimmt, dann muss sie ihren Zweck in Frage stellen lassen. Wir unterschätzen das diplomatische Geschäft extrem. Viele solcher Treffen dienen in der Regel auch dazu, dass sich die Staatschefs persönlich wieder begegnen, wie im Fall Trump und Putin ja geschehen. Es hat sogar sofort Früchte gezeigt.

Die Frage bleibt dennoch, warum ausgerechnet diese 20 Länder dazu gehören sollen? Viele wichtige Länder in Afrika waren nicht dabei, auch asiatische Länder könnten noch etwas dazu beitragen. Die von Schmidt seinerseits zum ersten Mal eingeführte Sitzung mit den Länderchefs – zu Beginn waren es nur einige, wenn mich nicht alles täuscht 5 – diente dazu, dass sich die Regierungsoberhäupter dieser wichtigen Länder für einige Tage ungestört über alles austauschen konnten, was die Weltpolitik betrifft. Der Austausch hatte zur Folge, dass sich die Politik international harmonisierte und vor bösen Überraschungen gefeit war. Es lässt sich fragen, ob das bei so vielen Ländern ebenfalls gelingt. Das bezweifle ich. Warum sich die wichtigsten Wirtschaftsnationen nicht untereinander treffen können, ohne dass dann gleich wieder geschrien wird, verstehe ich nicht ganz. Ist es der Neid der Besitzlosen? Echte Sorge um die Weltpolitik? Wir leben doch in einer Demokratie, wo sich jeder frei äußern kann und auch in die Opposition gehen kann, ohne um Leib und Leben zu fürchten. Die Diskussion darüber ist noch nicht ausgestanden. Fragt sich nur, welche Form ein solches Treffen in Zukunft einnehmen soll. Es lohnt sich, über die Organisation solcher Treffen und wer daran unbedingt teilnehmen soll, nachzudenken. Bin gespannt! / 11. Juli 2017

Der Weg zum Studium

Der Weg zum Studium
Ohne Worte.

Immer wieder wurde über dieses leidige Thema gesprochen, diskutiert und geschrieben. Es ist und bleibt das brisanteste Thema aller Zeiten. Nicht nur damals, als ich studierte, sondern auch heute wieder spüre ich dies an allen Ecken und Enden. Die Bildung bleibt ein Privileg von finanziell besser gestellten Studierenden.

Die vielen Stipendien und Hilfen aus Stiftungen werden in der Regel nur denjenigen vergeben, die sich in ihren Leistungen entsprechend ausweisen können. Dabei wird oftmals vergessen, dass diese sich zuerst das Rüstzeug erlernen müssen, was hier gerade in den Eignungstests vorausgesetzt wird. Schulbildung bleibt ein Filter, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Hier wird entschieden, wer es später in die höchsten Höhen der Chefsetagen schafft. Bildung für alle? Welche Bildung denn? Die Kriterien für eine Bildung werden bereits im Vorfeld entschieden. Sie sind nach dem sogenannten Bildungsbürgertum ausgerichtet, das durch seine Herkunft bereits im Vorteil ist. Ich möchte hier nicht auf die vielen Belege hinweisen, die immer wieder gebracht wurden, wenn es um den sogenannten elaborierten Code geht. Diese von Bernstein aufgestelle Hypothese (auch Defizithypothese genannt) hat sich über die Jahre leider bewahrheitet.

Dies ganz unabhängig davon, dass unsere moderne Gesellschaft ohne Bildung gar nicht mehr existenzfähig sein wird. Doch immer mehr wird deutlich, wie durch die Technologie der Mensch vom Joch der routinierten Arbeit befreit wird. Wir haben nach der industriellen Revolotion bereits mehrere weitere Revolutionen durchlebt, die jedes Mal daran zu erkennen sind, dass Millionen von Arbeitsplätzen durch die Technik ersetzt wird. Doch das ist ein anderer Gedankenstrang, den ich hier nur antönen wollte.

Mir fällt nun auf, dass sich das Sprachniveau, von dem Bernstein ja ausgeht und die sich auf die Sapir-Whorf-Hypothese beruft, dass Sprache nämlich das Denken forme – die ursprünglich von Wilhelm v. Humboldt vorweggenommen wurde –, dass sich also das Sprachniveau immer mehr angeglichen hat. Dies hat die Verbreitung der Sprache über moderne Kommunikationsmittel und -technologien ermöglicht. Über Fernsehen, Sateliten und dem Internet natürlich hat nun jeder die Möglichkeit, auf die Sprache der Bildungsbürger zuzugreifen und sich damit auch selbst weiterzubilden. Nachtigall ick hör dir trapsen!

Hatte nicht seinerseits Ivan Illich in seiner Streitschrift „Die Entschulung der Gesellschaft“ dies nicht nur gefordert, sondern auch vorausgesehen?! Heute sind wir bereits soweit, dass die Schule nicht mehr der (H)Ort ist, um sich Wissen anzueignen. Die Lehrer sind schon längst damit überfordert. Und je länger, je mehr wird deutlich, welche Machtfunktion sie ausüben. Die unterschiedlichen Funktionen, die die Schule bislang ausgeübt hat und immer noch auszuführen hat, wie zum Beispiel die qualitative, selektive und integrative Funktion – übrigens alle und noch viele mehr von dem verstorbenen Kollegen und Freund Theodor Ballauff in seinem exzellenten und bislang unübertroffenen Buch „Die Funktionen der Schule“ zusammengetragen und kommentiert –, lassen sich auf verschiedenen Ebenen nachvollziehen und auch auflisten. Warum sich die Bildungspolitiker angesichts der Herausforderung durch die virtuellen Medien immer noch nicht auf ein neues Bildungswesen einigen können, ganz zu schweigen ein solches allererst zu entwerfen, bleibt mir ein Rätsel. Die Bielefelder Laborschule eines Hartmut von Hentig kommt dagegen geradezu altbacken daher, obwohl sie heute noch weiter betrieben wird. Als Pionier und Vordenker einer ganzen Generation sollte er dennoch wieder gelesen werden. Vielleicht entdeckt ja der eine oder andere dort Ideen, wo er sie nicht vermutet hätte.
/ Zürich, 20.07.2017

Flashback

 

So langsam gerate ich in ein Alter, in dem ein Blick zurück gestattet ist. Ich denke dabei an nichts Besonderes, doch immer wieder tauchen Bilder auf, die zeigen, dass Geschehnisse, die ich längst als vergessen wähnte, urplötzlich wieder da sind, als lägen dazwischen nicht ein halbes Jahrhundert Menschenleben! Und so hautnah gehen sie dich an, diese Gefühle und Gedanken, als wären sie dir erst gestern zugestoßen.
Irgendwo müssen wir ein Archiv angelegt haben, von dem wir jedoch die Registratur nicht kennen und somit auch nicht wissen, was alles in diesem Archiv gespeichert wurde. Es gibt auch keinen Knopf, auf den ich drücken könnte, um das ganze Archiv mit einem Mal zu löschen. Nein, da lob ich mir meinen Laptop, der mir Möglichkeiten an die Hand liefert, die ich in meinem persönlichen Leben nur wünschen könnte. Oder gibt es vielleicht doch eine Möglichkeit, Herr im eigenen Haus zu sein und ich kenne sie nur nicht? Freud hatte ja bekanntlich den Königsweg zu diesem inneren Archiv den Traum bezeichnet und einige meiner Kollegen und Kolleginnen haben sich zu echten Virtuosen unter den Psychoanalytikern entwickelt und wissen Erstaunliches darüber zu berichten. Ich höre dann immer mit offenem Mund zu und kann ihn vor Erstaunen nicht wieder schließen. Potz Tausend! Was können die alles nur aus den Träumen herauslesen, worauf kein „gesunder“ Menschenverstand je gekommen wäre. Nein, auch die alten Traumdeuter hätten nie geglaubt, dass unsere Träume quasi ein offenes Buch sind – allerdings nur für diejenigen, die gelernt haben, darin zu lesen. Das habe ich nur zu einem Teil gelernt, weil ich bald merkte, dass diese Deuterei nur dahinführe, alles in eine andere Sprache zu übersetzen. Wer sagt mir, dass diese Sprache auch wirklich das Innere der Menschen widerspiegelte? Wer Lacan kennt, weiß, wie schwierig das werden kann und wie virtuos manche in diesem Sprachregelwerk werden können. Ich suchte einen direkteren Zugang zu jener Welt, die mir in den Träumen begegnete.
Später ging ich dann zur Philosophie und wollte meine Neugierde über den Menschen und seine Seele über den Intellekt erfahren. Eine sehr aufschlussreiche Zeit, die ich nicht vermissen möchte. Doch auch die Philosophen interpretieren das Geschaute auf ihre Weise. Wer einen ihrer Bausteine nicht akzeptierte, der lehnte auch das Gebäude ab, das darauf errichtet wurde. Und schon hatten sie die schönsten Dispute und Streitereien, die sich Menschen nur ausdenken können. Manche gingen den kompliziertesten Windungen des Denkens nach, andere wiederum lobten einen Aspekt der Schöpfung – so sie sie akzeptierten – und bastelten ein in sich konsistentes System, mit dem sie dann die Welt nach ihrem Willen und ihrer Vorstellung zusammenzimmerten. Selten stieß ich auf einen Philosophen wie Platon, der eine Gesamtheit, also eine holistische Sicht der Dinge lieferte. Heidegger, der ja bekanntlich wieder hinter Platon zurückwollte, um es salopp auszudrücken, war gezwungen ebenfalls umfassend zu denken, um ihn zu widerlegen und der auf einen anderen Anfang im Denken setzte. In seiner Gründlichkeit hat er mir die Augen geöffnet und eine Möglichkeit geschaffen, mich selbst besser zu verstehen, sofern es denn überhaupt noch etwas zu verstehen gäbe.
Als ich in die Situation kam, meine durch Geburt angenommene Religion zu verstehen, ergriff ich die Möglichkeit beim Schopf. Ich tauchte in die tiefsten Tiefen der islamischen Religion und speziell der Schia als Konfession ein. Ein Arabisch- und Islamstudium folgten über Jahre – das alles neben meiner beruflichen Tätigkeit als Hochschullehrer für Erziehungsphilosophie und Germanistik. Es war ebenfalls eine fruchtbare Zeit, die ich nicht aus meinem Leben denken möchte. Vieles, was vorher nur in mir dahinschlummerte, erwachte nun zu einem Licht, das mein Leben in eine sinnvolle Tätigkeit wandelte. Das Faszinosum des Heiligen hatte mich ergriffen. Die Scharia stellte sich bald als das große Hindernis für meinen Wissensdurst heraus und schnell wandte ich mich auch hier der geistigen Annäherung an die Religion zu. Im Irfan, der gnostischen Mystik, wie sie Annemarie Schimmel nannte, lernte ich eine Seelenwelt kennen, deren Ausmaße mich erschütterten. Aus dieser Erschütterung trat ich als Qalandar, jene „Derwische“, die sich in keine Schublade stecken ließen, somit auch keinem Orden angehörten. Durch ihr Äußeres und durch ihr Verhalten, gaben sie den Menschen Stoff zum Denken und sind im wahren Sinn Anstoß für deren Reaktionen – anstößig.
Schließlich lernte ich meinen heutigen Meister kennen, der aus Indien ist und in der ganzen Welt seine Botschaft der Liebe verbreitet. Nicht dass ich ihn mit offenen Armen begrüßt hätte, nein, dazu war meine philosophische Ausbildung ein großer Hemmschuh, auch wenn ich in der Zwischenzeit der Mystik sehr angetan war. Doch das lief durch den Kopf, der zunächst alles filterte, was sich mir in den Weg stellte. Ausgerechnet dieser Meister erklärt mir nun, ich müsse die Reise vom Kopf zum Herzen antreten! Eine große Herausforderung, zumal ja alles, was ich aus der Geschichte der Menschheit gelernt hatte, war, dass sie nicht auf ihren Kopf gehört haben, sondern auf ihr Herz, also dem Sitz der Gefühle. Nun sollte es also wirklich mystisch werden mit mir. Kein Wunder, dass sich bei mir alles sträubte.
Doch dann erlebte ich den Meister in seinem Wirken. Noch nie sah ich einen Menschen, der das, was er predigte, auch selbst ausübte. Ein Prinzip, das ich mir seit ich denken kann zum Ziel gesetzt hatte. Viele meiner Unternehmungen scheiterten an meinem moralischen Gewissen. Nun stand jemand vor mir, der genau das lebte, was er sagte. Ein Musterbeispiel, was mir zeigte, dass es geht, in der Gesellschaft zu sein und dennoch der Ethik zu frönen. Kein Buch, keine Empfehlung, keine Überredungskunst von Freunden konnte mich so überzeugen wie das eigens Gesehene und Erfahrene. Nach anfänglichem Widerstand habe ich mich auf die Reise vom Kopf zu meinem Herzen gemacht – ein abenteuerlicher Weg, auf dem ich heute noch wandle und dessen Ende nicht abzusehen ist.
Und heute kommen diese Gedanken an früh geschehene Dinge wieder hoch, nicht um mich zu belästigen, nein, wie um zu sagen, jetzt verabschieden wir uns für immer. Sie werden aus meinem Gedächtnis gelöscht, nachdem ich sie noch einmal erleben durfte. Und der Knopf, der mir beim Laptop hilft, Unbedeutendes aus dem Speicher zu löschen, der ist in meinem jetzigen Leben die Meditation, die ich ebenfalls durch meinen Lehrer gelernt habe. Seit ich meditiere habe ich mich gewandelt und konnte mich von meiner Kopflastigkeit befreien. Endlich kann ich denken und gleichzeitig mein Herz auf dem rechten Fleck haben. / Zürich, 19. Juli 2017

Art of Living

Seit 2009 bin ich Yoga-Lehrer von Art of Living, die Kunst des Lebens. Darüber können Sie einiges hier erfahren:

Ich habe diesen Entscheid nie bereut. Es ist allerdings nicht nur Yoga, was ich bei meinem Meister Sri Sri Ravi Shankar gelernt habe, sondern ein Gesamtpaket zur Lebensführung, das aus verschiedenen Tätigkeiten besteht und vor allem durch sein außerordentliches Geschenk an die Menschheit, der Long Kriya, einer speziellen Atemübung, durch nichts zu übertreffen ist. Ich werde hier in loser Folge immer wieder darüber berichten. / Im Juni 2017

2013-07-03 08.07.19

Joby Warrick: Schwarze Flaggen

Warrick, Joby: Schwarze Flaggen. Der Aufstieg des IS und die USA (Aus dem Amerikanischen von Cornelius Hartz); Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2017; 388 Seiten

Wer kennt nicht den IS und seine Machenschaften? Überall, wo man hinsieht, dreht es sich um den IS und seine Handlanger. Die Berichterstattungen gleichen sich und bald weiß der Zuhörer bzw. Zuschauer oder Leser nicht mehr, wer eigentlich von wem abschreibt. Lange genug sind die Werbesendungen des IS hingenommen worden, ohne dass dagegen eingeschritten wurde. Mittlerweile melden die Nachrichten, dass auch die Hochburg des IS, nämlich die irakische Stadt Mossul im Norden des Iraks eingenommen wurde. Das will aber noch nichts heißen, zumal sie ihre Machenschaften international verteilt haben. Wir dürfen noch mit einigem rechnen, so mich nicht alles täuscht.

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Wie kam es aber zum IS? Neben dem verstorbenen Scholl-Latour, der sich in der Szene sehr gut auskannte, hat mich bislang noch kein anderer Autor so überzeugt, wie Joby Warrick, ein Journalist der Washington Post. Durch langwierige und detaillierte Recherchen ging er der Rolle der USA bei der Entstehung der IS nach. Herausgekommen ist ein Buch, das sich spannend liest und dennoch sehr ausgewogen die Hintergründe schildert, die zur Entstehung des IS führten. Das Buch, das den Pulitzer-Preis gewann, schließt mit einem Nachwort, den Anmerkungen zu den einzelnen Kapiteln sowie einem Register, um die einzelnen Stellen leichter zu finden.

Wer sich selbst ein Bild machen möchte von dem, was zu einer der tragischsten Vorgänge auf der politischen-religiösen Bühne des angehenden 21. Jahrhunderts führte, der liest dieses Buch am besten selbst. Für mich bleibt es immer wieder ein Buch, das ich gerne wieder hervorhole, wenn es um den IS geht.

Die Experten, die die Profile der neun Täter (des Pariser Anschlags) untersuchten, bescheinigten dem IS eine geradezu geniale Rekrutierungsstrategie. Die alte Erfolg versprechende Formel aus Zarqawis Zeit – gewalttätige junge Männer in noch gewalttätigere junge Dschihadisten zu verwandeln – funktionierte bei den neuen europäischen Rekruten des IS ganz ausgezeichnet. Alain Grignard, einer der für Terrorismusbekämpfung zuständigen belgischen Beamten, glaubt, dass Jugendliche, die in Stadtvierteln mit hohem Migrantenanteil und ausgeprägten Bandenstrukturen aufwachsen, ganz instinktiv den Zusammenhang zwischen Respekt und Furcht verstehen. Der IS bedient sich derselben Codes wie die Gangsterbanden, und zugleich bietet er seinen jungen Rekruten etwas, das die meisten von ihnen zu Hause niemals hatten. ‚Da drüben in Syrien haben sie endlich einmal das Gefühl, dass sie jemand sind‘, so Grignard. ‚Wenn dir da jemand in die Quere kommt, kriegt er kurzerhand eine Kugel in den Kopf. Der Islamische Staat nimmt das Credo der Straßengewalt und legitimiert es.

(S. 363)

Präsidentenwahl in Iran

Die Präsidentenwahl fiel dieses Jahr in meinen Iran-Aufenthalt. Das habe ich natürlich ausgenenutzt und bin zum Wahllokal gegangen, um an der Urne direkt über das zukünftige Schicksal der Regierung abzustimmen. Schließlich gilt auch dort wie überall: Wer stimmt, bestimmt.

Auch hierzu kommen mir Gedanken, die ich aus Zeitgründen verschieben muss. Die Wahl ist nun vorüber und Iran darf ruhigeren Zeiten entgegensehen. Ich finde es sehr bezeichnend, dass Iraner und Iranerinnen entgegen den Unkenrufen aus Amerika, entgegen des schon so lang anwährenden Embargos und überhaupt entgegen der allgemeinen Propaganda und den Misstönen in der Medienlandschaft so besonnen gewählt hat und keinen Hardliner zur Macht verholfen haben. Es war eine gute Übung für uns alle dort, dass wir erkennen können, wie es in unserer Hand liegt, wenn und wen wir wählen. Das ist Demokratie von der Pike an zu erlernen. Diese Wahl wird Auswirkungen auf die Gewaltenteilung und viele bürokratische Prozedere haben, dessen bin ich mir gewiss. Auch wenn die Zentralmacht in den Händen pietistischer Würdenträger bleibt, glaube ich an die Wirkung dieser Erkenntnis. Wir dürfen alle gespannt sein – die Welt mit eingenommen –, was uns Iran in den nächsten Jahren noch für Überraschungen bereithält. / 23. Mai 2017, Teheran