Der Urgrund der Seele

Gestern war ich auf einer kleinen Geburtstagsfeier eines langjährigen Freundes, den ich von der gemeinsamen Studienzeit her kenne. Es war ein enger Kreis von Freunden geladen, die sich sehr gut unterhielten.
samsaraWiegenfeste sind dafür da, damit sich die Seele an seinen Ursprung erinnert und weiß, woher sie gekommen ist und von was sie ein Teil ist. Es ist schön, dass jemand unter uns weilt und uns zu seinem oder ihrem Freund erkoren hat. Welch Ehre! Wer den Lebensabschnitt der Seele nicht auch durch den Tod als Ende der Seele sieht, der weiß, dass es danach noch weitergehen wird. Die Reinkarnation ist ein Thema, das sich ergibt, wenn wir davon ausgehen, dass die Seele in dieses Leben getreten ist, um sich von Taten aus einem früheren Leben (Karmagedanke) zu reinigen und solcherart gereinigt nach dem Tod wieder zu erscheinen. Der Zyklus (Samsara) dauert so lange an, bis die Seele geläutert als aufgeklärte Seele ihn für immer verlässt. Nur diejenigen unter den Seelen kommen wieder, um andere zu führen, und zwar freiwillig.

Ich muss gestehen, dass diese Lehre im Gegensatz zu anderen eine große Faszination auf mich ausübt. Doch diese Faszination ist neu. Sie war nicht immer vorhanden, im Gegenteil, aufgrund meiner Gedanken und meines Studierten, ob Religion oder Philosophie, lehnte ich diese Lehre ab. Wie eng und begrenzt ich die Welt doch nur sah! Doch kenne ich noch nicht alles aus dieser Lehre. Sie ist ein weites Feld und ich muss noch viel dazulernen. / 22. Juli 2017, Aagau und Zürich

Gewalt in Hamburgs Straßen

 

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Copyright: Hamburger Abendblatt

 

Das Treffen der G20 in Hamburg wurde durch die fulminanten Straßenkämpfe überschattet. Auch ich bin der Meinung, dass Opposition sein muss und demonstriert werden darf, doch wenn die Gewalt solche Ausmaße annimmt, dann muss sie ihren Zweck in Frage stellen lassen. Wir unterschätzen das diplomatische Geschäft extrem. Viele solcher Treffen dienen in der Regel auch dazu, dass sich die Staatschefs persönlich wieder begegnen, wie im Fall Trump und Putin ja geschehen. Es hat sogar sofort Früchte gezeigt.

Die Frage bleibt dennoch, warum ausgerechnet diese 20 Länder dazu gehören sollen? Viele wichtige Länder in Afrika waren nicht dabei, auch asiatische Länder könnten noch etwas dazu beitragen. Die von Schmidt seinerseits zum ersten Mal eingeführte Sitzung mit den Länderchefs – zu Beginn waren es nur einige, wenn mich nicht alles täuscht 5 – diente dazu, dass sich die Regierungsoberhäupter dieser wichtigen Länder für einige Tage ungestört über alles austauschen konnten, was die Weltpolitik betrifft. Der Austausch hatte zur Folge, dass sich die Politik international harmonisierte und vor bösen Überraschungen gefeit war. Es lässt sich fragen, ob das bei so vielen Ländern ebenfalls gelingt. Das bezweifle ich. Warum sich die wichtigsten Wirtschaftsnationen nicht untereinander treffen können, ohne dass dann gleich wieder geschrien wird, verstehe ich nicht ganz. Ist es der Neid der Besitzlosen? Echte Sorge um die Weltpolitik? Wir leben doch in einer Demokratie, wo sich jeder frei äußern kann und auch in die Opposition gehen kann, ohne um Leib und Leben zu fürchten. Die Diskussion darüber ist noch nicht ausgestanden. Fragt sich nur, welche Form ein solches Treffen in Zukunft einnehmen soll. Es lohnt sich, über die Organisation solcher Treffen und wer daran unbedingt teilnehmen soll, nachzudenken. Bin gespannt! / 11. Juli 2017

Der Weg zum Studium

Der Weg zum Studium
Ohne Worte.

Immer wieder wurde über dieses leidige Thema gesprochen, diskutiert und geschrieben. Es ist und bleibt das brisanteste Thema aller Zeiten. Nicht nur damals, als ich studierte, sondern auch heute wieder spüre ich dies an allen Ecken und Enden. Die Bildung bleibt ein Privileg von finanziell besser gestellten Studierenden.

Die vielen Stipendien und Hilfen aus Stiftungen werden in der Regel nur denjenigen vergeben, die sich in ihren Leistungen entsprechend ausweisen können. Dabei wird oftmals vergessen, dass diese sich zuerst das Rüstzeug erlernen müssen, was hier gerade in den Eignungstests vorausgesetzt wird. Schulbildung bleibt ein Filter, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Hier wird entschieden, wer es später in die höchsten Höhen der Chefsetagen schafft. Bildung für alle? Welche Bildung denn? Die Kriterien für eine Bildung werden bereits im Vorfeld entschieden. Sie sind nach dem sogenannten Bildungsbürgertum ausgerichtet, das durch seine Herkunft bereits im Vorteil ist. Ich möchte hier nicht auf die vielen Belege hinweisen, die immer wieder gebracht wurden, wenn es um den sogenannten elaborierten Code geht. Diese von Bernstein aufgestelle Hypothese (auch Defizithypothese genannt) hat sich über die Jahre leider bewahrheitet.

Dies ganz unabhängig davon, dass unsere moderne Gesellschaft ohne Bildung gar nicht mehr existenzfähig sein wird. Doch immer mehr wird deutlich, wie durch die Technologie der Mensch vom Joch der routinierten Arbeit befreit wird. Wir haben nach der industriellen Revolotion bereits mehrere weitere Revolutionen durchlebt, die jedes Mal daran zu erkennen sind, dass Millionen von Arbeitsplätzen durch die Technik ersetzt wird. Doch das ist ein anderer Gedankenstrang, den ich hier nur antönen wollte.

Mir fällt nun auf, dass sich das Sprachniveau, von dem Bernstein ja ausgeht und die sich auf die Sapir-Whorf-Hypothese beruft, dass Sprache nämlich das Denken forme – die ursprünglich von Wilhelm v. Humboldt vorweggenommen wurde –, dass sich also das Sprachniveau immer mehr angeglichen hat. Dies hat die Verbreitung der Sprache über moderne Kommunikationsmittel und -technologien ermöglicht. Über Fernsehen, Sateliten und dem Internet natürlich hat nun jeder die Möglichkeit, auf die Sprache der Bildungsbürger zuzugreifen und sich damit auch selbst weiterzubilden. Nachtigall ick hör dir trapsen!

Hatte nicht seinerseits Ivan Illich in seiner Streitschrift „Die Entschulung der Gesellschaft“ dies nicht nur gefordert, sondern auch vorausgesehen?! Heute sind wir bereits soweit, dass die Schule nicht mehr der (H)Ort ist, um sich Wissen anzueignen. Die Lehrer sind schon längst damit überfordert. Und je länger, je mehr wird deutlich, welche Machtfunktion sie ausüben. Die unterschiedlichen Funktionen, die die Schule bislang ausgeübt hat und immer noch auszuführen hat, wie zum Beispiel die qualitative, selektive und integrative Funktion – übrigens alle und noch viele mehr von dem verstorbenen Kollegen und Freund Theodor Ballauff in seinem exzellenten und bislang unübertroffenen Buch „Die Funktionen der Schule“ zusammengetragen und kommentiert –, lassen sich auf verschiedenen Ebenen nachvollziehen und auch auflisten. Warum sich die Bildungspolitiker angesichts der Herausforderung durch die virtuellen Medien immer noch nicht auf ein neues Bildungswesen einigen können, ganz zu schweigen ein solches allererst zu entwerfen, bleibt mir ein Rätsel. Die Bielefelder Laborschule eines Hartmut von Hentig kommt dagegen geradezu altbacken daher, obwohl sie heute noch weiter betrieben wird. Als Pionier und Vordenker einer ganzen Generation sollte er dennoch wieder gelesen werden. Vielleicht entdeckt ja der eine oder andere dort Ideen, wo er sie nicht vermutet hätte.
/ Zürich, 20.07.2017

Flashback

 

So langsam gerate ich in ein Alter, in dem ein Blick zurück gestattet ist. Ich denke dabei an nichts Besonderes, doch immer wieder tauchen Bilder auf, die zeigen, dass Geschehnisse, die ich längst als vergessen wähnte, urplötzlich wieder da sind, als lägen dazwischen nicht ein halbes Jahrhundert Menschenleben! Und so hautnah gehen sie dich an, diese Gefühle und Gedanken, als wären sie dir erst gestern zugestoßen.
Irgendwo müssen wir ein Archiv angelegt haben, von dem wir jedoch die Registratur nicht kennen und somit auch nicht wissen, was alles in diesem Archiv gespeichert wurde. Es gibt auch keinen Knopf, auf den ich drücken könnte, um das ganze Archiv mit einem Mal zu löschen. Nein, da lob ich mir meinen Laptop, der mir Möglichkeiten an die Hand liefert, die ich in meinem persönlichen Leben nur wünschen könnte. Oder gibt es vielleicht doch eine Möglichkeit, Herr im eigenen Haus zu sein und ich kenne sie nur nicht? Freud hatte ja bekanntlich den Königsweg zu diesem inneren Archiv den Traum bezeichnet und einige meiner Kollegen und Kolleginnen haben sich zu echten Virtuosen unter den Psychoanalytikern entwickelt und wissen Erstaunliches darüber zu berichten. Ich höre dann immer mit offenem Mund zu und kann ihn vor Erstaunen nicht wieder schließen. Potz Tausend! Was können die alles nur aus den Träumen herauslesen, worauf kein „gesunder“ Menschenverstand je gekommen wäre. Nein, auch die alten Traumdeuter hätten nie geglaubt, dass unsere Träume quasi ein offenes Buch sind – allerdings nur für diejenigen, die gelernt haben, darin zu lesen. Das habe ich nur zu einem Teil gelernt, weil ich bald merkte, dass diese Deuterei nur dahinführe, alles in eine andere Sprache zu übersetzen. Wer sagt mir, dass diese Sprache auch wirklich das Innere der Menschen widerspiegelte? Wer Lacan kennt, weiß, wie schwierig das werden kann und wie virtuos manche in diesem Sprachregelwerk werden können. Ich suchte einen direkteren Zugang zu jener Welt, die mir in den Träumen begegnete.
Später ging ich dann zur Philosophie und wollte meine Neugierde über den Menschen und seine Seele über den Intellekt erfahren. Eine sehr aufschlussreiche Zeit, die ich nicht vermissen möchte. Doch auch die Philosophen interpretieren das Geschaute auf ihre Weise. Wer einen ihrer Bausteine nicht akzeptierte, der lehnte auch das Gebäude ab, das darauf errichtet wurde. Und schon hatten sie die schönsten Dispute und Streitereien, die sich Menschen nur ausdenken können. Manche gingen den kompliziertesten Windungen des Denkens nach, andere wiederum lobten einen Aspekt der Schöpfung – so sie sie akzeptierten – und bastelten ein in sich konsistentes System, mit dem sie dann die Welt nach ihrem Willen und ihrer Vorstellung zusammenzimmerten. Selten stieß ich auf einen Philosophen wie Platon, der eine Gesamtheit, also eine holistische Sicht der Dinge lieferte. Heidegger, der ja bekanntlich wieder hinter Platon zurückwollte, um es salopp auszudrücken, war gezwungen ebenfalls umfassend zu denken, um ihn zu widerlegen und der auf einen anderen Anfang im Denken setzte. In seiner Gründlichkeit hat er mir die Augen geöffnet und eine Möglichkeit geschaffen, mich selbst besser zu verstehen, sofern es denn überhaupt noch etwas zu verstehen gäbe.
Als ich in die Situation kam, meine durch Geburt angenommene Religion zu verstehen, ergriff ich die Möglichkeit beim Schopf. Ich tauchte in die tiefsten Tiefen der islamischen Religion und speziell der Schia als Konfession ein. Ein Arabisch- und Islamstudium folgten über Jahre – das alles neben meiner beruflichen Tätigkeit als Hochschullehrer für Erziehungsphilosophie und Germanistik. Es war ebenfalls eine fruchtbare Zeit, die ich nicht aus meinem Leben denken möchte. Vieles, was vorher nur in mir dahinschlummerte, erwachte nun zu einem Licht, das mein Leben in eine sinnvolle Tätigkeit wandelte. Das Faszinosum des Heiligen hatte mich ergriffen. Die Scharia stellte sich bald als das große Hindernis für meinen Wissensdurst heraus und schnell wandte ich mich auch hier der geistigen Annäherung an die Religion zu. Im Irfan, der gnostischen Mystik, wie sie Annemarie Schimmel nannte, lernte ich eine Seelenwelt kennen, deren Ausmaße mich erschütterten. Aus dieser Erschütterung trat ich als Qalandar, jene „Derwische“, die sich in keine Schublade stecken ließen, somit auch keinem Orden angehörten. Durch ihr Äußeres und durch ihr Verhalten, gaben sie den Menschen Stoff zum Denken und sind im wahren Sinn Anstoß für deren Reaktionen – anstößig.
Schließlich lernte ich meinen heutigen Meister kennen, der aus Indien ist und in der ganzen Welt seine Botschaft der Liebe verbreitet. Nicht dass ich ihn mit offenen Armen begrüßt hätte, nein, dazu war meine philosophische Ausbildung ein großer Hemmschuh, auch wenn ich in der Zwischenzeit der Mystik sehr angetan war. Doch das lief durch den Kopf, der zunächst alles filterte, was sich mir in den Weg stellte. Ausgerechnet dieser Meister erklärt mir nun, ich müsse die Reise vom Kopf zum Herzen antreten! Eine große Herausforderung, zumal ja alles, was ich aus der Geschichte der Menschheit gelernt hatte, war, dass sie nicht auf ihren Kopf gehört haben, sondern auf ihr Herz, also dem Sitz der Gefühle. Nun sollte es also wirklich mystisch werden mit mir. Kein Wunder, dass sich bei mir alles sträubte.
Doch dann erlebte ich den Meister in seinem Wirken. Noch nie sah ich einen Menschen, der das, was er predigte, auch selbst ausübte. Ein Prinzip, das ich mir seit ich denken kann zum Ziel gesetzt hatte. Viele meiner Unternehmungen scheiterten an meinem moralischen Gewissen. Nun stand jemand vor mir, der genau das lebte, was er sagte. Ein Musterbeispiel, was mir zeigte, dass es geht, in der Gesellschaft zu sein und dennoch der Ethik zu frönen. Kein Buch, keine Empfehlung, keine Überredungskunst von Freunden konnte mich so überzeugen wie das eigens Gesehene und Erfahrene. Nach anfänglichem Widerstand habe ich mich auf die Reise vom Kopf zu meinem Herzen gemacht – ein abenteuerlicher Weg, auf dem ich heute noch wandle und dessen Ende nicht abzusehen ist.
Und heute kommen diese Gedanken an früh geschehene Dinge wieder hoch, nicht um mich zu belästigen, nein, wie um zu sagen, jetzt verabschieden wir uns für immer. Sie werden aus meinem Gedächtnis gelöscht, nachdem ich sie noch einmal erleben durfte. Und der Knopf, der mir beim Laptop hilft, Unbedeutendes aus dem Speicher zu löschen, der ist in meinem jetzigen Leben die Meditation, die ich ebenfalls durch meinen Lehrer gelernt habe. Seit ich meditiere habe ich mich gewandelt und konnte mich von meiner Kopflastigkeit befreien. Endlich kann ich denken und gleichzeitig mein Herz auf dem rechten Fleck haben. / Zürich, 19. Juli 2017

Art of Living

Seit 2009 bin ich Yoga-Lehrer von Art of Living, die Kunst des Lebens. Darüber können Sie einiges hier erfahren:

Ich habe diesen Entscheid nie bereut. Es ist allerdings nicht nur Yoga, was ich bei meinem Meister Sri Sri Ravi Shankar gelernt habe, sondern ein Gesamtpaket zur Lebensführung, das aus verschiedenen Tätigkeiten besteht und vor allem durch sein außerordentliches Geschenk an die Menschheit, der Long Kriya, einer speziellen Atemübung, durch nichts zu übertreffen ist. Ich werde hier in loser Folge immer wieder darüber berichten. / Im Juni 2017

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Joby Warrick: Schwarze Flaggen

Warrick, Joby: Schwarze Flaggen. Der Aufstieg des IS und die USA (Aus dem Amerikanischen von Cornelius Hartz); Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2017; 388 Seiten

Wer kennt nicht den IS und seine Machenschaften? Überall, wo man hinsieht, dreht es sich um den IS und seine Handlanger. Die Berichterstattungen gleichen sich und bald weiß der Zuhörer bzw. Zuschauer oder Leser nicht mehr, wer eigentlich von wem abschreibt. Lange genug sind die Werbesendungen des IS hingenommen worden, ohne dass dagegen eingeschritten wurde. Mittlerweile melden die Nachrichten, dass auch die Hochburg des IS, nämlich die irakische Stadt Mossul im Norden des Iraks eingenommen wurde. Das will aber noch nichts heißen, zumal sie ihre Machenschaften international verteilt haben. Wir dürfen noch mit einigem rechnen, so mich nicht alles täuscht.

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Wie kam es aber zum IS? Neben dem verstorbenen Scholl-Latour, der sich in der Szene sehr gut auskannte, hat mich bislang noch kein anderer Autor so überzeugt, wie Joby Warrick, ein Journalist der Washington Post. Durch langwierige und detaillierte Recherchen ging er der Rolle der USA bei der Entstehung der IS nach. Herausgekommen ist ein Buch, das sich spannend liest und dennoch sehr ausgewogen die Hintergründe schildert, die zur Entstehung des IS führten. Das Buch, das den Pulitzer-Preis gewann, schließt mit einem Nachwort, den Anmerkungen zu den einzelnen Kapiteln sowie einem Register, um die einzelnen Stellen leichter zu finden.

Wer sich selbst ein Bild machen möchte von dem, was zu einer der tragischsten Vorgänge auf der politischen-religiösen Bühne des angehenden 21. Jahrhunderts führte, der liest dieses Buch am besten selbst. Für mich bleibt es immer wieder ein Buch, das ich gerne wieder hervorhole, wenn es um den IS geht.

Die Experten, die die Profile der neun Täter (des Pariser Anschlags) untersuchten, bescheinigten dem IS eine geradezu geniale Rekrutierungsstrategie. Die alte Erfolg versprechende Formel aus Zarqawis Zeit – gewalttätige junge Männer in noch gewalttätigere junge Dschihadisten zu verwandeln – funktionierte bei den neuen europäischen Rekruten des IS ganz ausgezeichnet. Alain Grignard, einer der für Terrorismusbekämpfung zuständigen belgischen Beamten, glaubt, dass Jugendliche, die in Stadtvierteln mit hohem Migrantenanteil und ausgeprägten Bandenstrukturen aufwachsen, ganz instinktiv den Zusammenhang zwischen Respekt und Furcht verstehen. Der IS bedient sich derselben Codes wie die Gangsterbanden, und zugleich bietet er seinen jungen Rekruten etwas, das die meisten von ihnen zu Hause niemals hatten. ‚Da drüben in Syrien haben sie endlich einmal das Gefühl, dass sie jemand sind‘, so Grignard. ‚Wenn dir da jemand in die Quere kommt, kriegt er kurzerhand eine Kugel in den Kopf. Der Islamische Staat nimmt das Credo der Straßengewalt und legitimiert es.

(S. 363)

Präsidentenwahl in Iran

Die Präsidentenwahl fiel dieses Jahr in meinen Iran-Aufenthalt. Das habe ich natürlich ausgenenutzt und bin zum Wahllokal gegangen, um an der Urne direkt über das zukünftige Schicksal der Regierung abzustimmen. Schließlich gilt auch dort wie überall: Wer stimmt, bestimmt.

Auch hierzu kommen mir Gedanken, die ich aus Zeitgründen verschieben muss. Die Wahl ist nun vorüber und Iran darf ruhigeren Zeiten entgegensehen. Ich finde es sehr bezeichnend, dass Iraner und Iranerinnen entgegen den Unkenrufen aus Amerika, entgegen des schon so lang anwährenden Embargos und überhaupt entgegen der allgemeinen Propaganda und den Misstönen in der Medienlandschaft so besonnen gewählt hat und keinen Hardliner zur Macht verholfen haben. Es war eine gute Übung für uns alle dort, dass wir erkennen können, wie es in unserer Hand liegt, wenn und wen wir wählen. Das ist Demokratie von der Pike an zu erlernen. Diese Wahl wird Auswirkungen auf die Gewaltenteilung und viele bürokratische Prozedere haben, dessen bin ich mir gewiss. Auch wenn die Zentralmacht in den Händen pietistischer Würdenträger bleibt, glaube ich an die Wirkung dieser Erkenntnis. Wir dürfen alle gespannt sein – die Welt mit eingenommen –, was uns Iran in den nächsten Jahren noch für Überraschungen bereithält. / 23. Mai 2017, Teheran

Mein Besuch in Kerman

Für viele meiner Freunde kam die Nachricht überraschend, als ich ihnen zu Beginn des Sommers mitteilte, in die Provinz Kerman zu reisen und die Gegend zu bekunden. Überraschend deshalb, weil Kerman berühmt ist für seine Wüstengebiete und sein heißes Klima. Dennoch wollte ich gehen und sehen, was es dort an Sehenswürdigkeiten abseits des Mainstreams gibt. Ich hatte eine frisch gegründete Touristikfirma entdeckt, die mir das Angebot machte, Kerman neu mit ihren Augen zu sehen. Ich habe es angenommen. Was dabei herauskam, werde ich in einem der nächsten Einträge oder einem Link dazu mitteilen. / 4. Juni 2017

Laura Secor: Children of Paradise

Secor, Laura: Children of Paradise. The Struggle for the Soul of Iran. New York: Riverhead Books, 2016. (Electronic Edition)

Ein Buch, auf das mich ein bekannter deutscher Verleger aufmerksam gemacht hat. Er hatte sich Gedanken gemacht, ob er die Übersetzungsrechte dieses Buches einfordern sollte. Ich habe es ohne sein Wissen gelesen, um ihn damit zu überraschen. Es ist ein interessant geschriebenes Buch über die politische Lage in Iran, vor allem, wie die jetzige Regierung mit der Jugend umgeht. Jedes Thema ist aus der Sicht von Beteiligten geschrieben, was das Buch sehr interessant werden lässt. Bei aller Sympathie, die ich für das Buch hege und auch für die darin angesprochenen Probleme, wünschte ich mir dennoch eine etwas distanziertere Betrachtung.

Der Autor ergreift Partei für die Belange derjenigen Menschen, die der Regierung kritisch gegenüberstehen. Die meisten Länder, die sich im Mittleren und Nahen Osten für eine demokratische oder republikanische Regierungsform entschieden haben, haben Mühe, das Phänomen der Opposition richtig einzuordnen. Dass es dennoch geht, zeigt dieses Buch, das ebenfalls nur reifen Lesern zu empfehlen ist, allerdings erleichtert auch hier eine Bibliografie sowie ein Schlagwort- und Personenregister das Auffinden wichtiger Passagen. Wer nicht Gefahr laufen möchte, über Iran nur pauschal zu urteilen, dem sei dieses Buch auf jeden Fall ans Herz gelegt. Für eine Übersetzung wünsche ich mir eine knappere Ausgabe des Originals und vielleicht ein Nach- oder Vorwort, das das Buch in das alltägliche Geschehen in Iran einordnet. Auf jeden Fall zeigt das Buch die Wege, wie Opposition im Land betrieben werden kann, ohne gleich militant zu werden. Beileibe keine leichte Aufgabe. / Zürich und Teheran, im Januar

Aus dem Vorwort der Schluss:  What follows is not the history of the Islamic Republic of Iran. That would be presumptuous if not impossible for a foreign reporter to write. This is a book about real people, some more famous or more admirable than others, but people whose complex and imperfect lives illuminate the passages through which they’ve traveled. There are no American protagonists and no American policy prescriptions. It is a book about Iranians, and it is a history – a hidden history, for the most part, of a powerful and protean current in the political and intellectual life of a nation.

Dämmerung

Hiermit beginne ich einen neuen Abschnitt in meinem Leben. Wie viele es bereits vor mir getan haben, möchte ich nun auch sprechen bzw. schreiben. Die Postmoderne hat uns ja dazu verdammt, dass wir alle reden, weil angeblich alle eine Geschichte zu erzählen hätten. Wie aus diesen Geschichten einmal die Geschichte werden soll, bleibt ein Rätsel. Damals warf ich schon ein: Und wer hört hier eigentlich zu? Wenn alle reden, wo alle sprechen, da braucht es doch auch Zuhörer. Oder ist dies die Eliminierung des Zuhörers bzw. des Zuhörens?
Seit 1996 habe ich immer eine private Homepage gehalten. Durch meinen Wegzug nach Iran ist die Pflege der Seite mehr als nur vernachlässigt worden. In der Zwischenzeit hat sich das Internet sich selbst so revolutioniert, dass viele Angewohnheiten obsolet wurden. Nirgends zeigt sich der Wandel der Zeit so sichtbar wie im Internet. Und wer nicht zum alten Eisen gehören möchte, der hat sich gefälligst anzupassen. Dies hält übrigens auch jung. Darum mische ich so lange mit, wie ich kann.
Mein einziges Bedenken war und ist die sogenannte breite Öffentlichkeit. Während vor dem Internet die Öffentlichkeit einigermaßen überschaubar blieb – auch wenn das Rauschen im Blätterwald ungeahnte Züge einnehmen konnte -, so ist es seit dem Aufkommen von Foren und Plattformen wie Facebook oder Google+ mit der Überschaubarkeit vorbei. Wir sind nicht einmal mehr Herr über unsere eigenen Daten. Täuschungen, Diebstähle geistigen Eigentums, Plagiate und andere Möglichkeiten der Fälschung und Bearbeitung authentischer Daten sowie Fotos sind Tür und Tor geöffnet. Die Technik hinkt ein wenig hinterher, wie solchen Missständen das Handwerk gelegt werden könnte. Doch bin ich zuversichtlich, dass auch hier bald wie im Leben sonst Ordnung und Gesetz einkehren werden.

Trotz dieser Bedenken habe ich mich entschlossen, hier einen Neuanfang zu wagen. In der Hoffnung, dass diese Zeilen die Menschen erreicht, die sich dafür interessieren und ebenfalls die Schwingungen des Schreibers spüren. Es geht mir nicht darum, besonders klug da zu stehen, sondern eher darum, Anregung zu sein und Beispiel. Um zu schreiben, muss ich vorher zugehört zu haben.

Zürich, im Juli 2017

2014-05-17 05.45.04
Morgendämmerung über dem Vierwaldstätter-See