Spannendes aus Iran

2017-07-31 21.55.37

„Wieder ein Buch über Iran, wieder jemand, der meint, sich zu Iran äußern zu müssen“, so dachte ich, als ich das Buch in einer Buchhandlung am Hottingerplatz entdeckte. Etwas widerstrebend nahm ich das Buch vom Regal und schmökerte kurz darin. Was mich gleich in Bann zog, war die Sprache des Buches. In ruhigen Zügen schildert hier eine Journalistin ihre persönlich erlebten Eindrücke eines Landes, das selbst für Einheimische manchmal nur sehr schwer zu durchschauen ist. Und sie macht es gut. Ihre vorsichtige Herangehensweise, ihre behutsame Beschreibung der Situationen und Menschen, ohne Besserwisserei, ohne je sich in den Vordergrund zu drängen, gelingt es dieser Autorin, sich in das Herz jedes Iranliebhabers einzuschreiben. Sie lässt die Menschen selbst erzählen, rundet ihre Aussagen mit eigenen Recherchen ab und stellt sie der offiziellen Darstellung gegenüber. Herausgekommen ist ein Buch, dass nicht nur durch ihre Sachlichkeit besticht, sondern auch durch eine einfühlsame Art für die unterschiedlichen Probleme der Iraner selbst. Kurz und gut: Wenn Sie mit dem Buch durch sind, haben Sie das Gefühl, sie könnten es gleich wieder lesen. Nicht weil sie nichts verstanden haben, beileibe nicht, sondern weil sie hier zum ersten Mal die Seele der Iraner und Iranerinnen vor sich spüren. Mit diesem Buch kommt der Leser dem Innenleben der iranischen Bevölkerung erstaunlich nahe und dies geht eben nur, in dem Charlotte Wiedemann sich auch in ihrer schriftlichen Fassung dem geheimnisvollen Treiben der Iraner und Iranerinnen anpasst. Ihre Kernaussagen kommen unverhofft inmitten der Beschreibung eines Charakters oder einer Situation im Bazaar bzw. wenn sie religiösen Ansichten nachgeht. Sie scheut sich auch nicht, so schwierige Themen wie Modernität, Technologie oder das Trauma aus dem irakischen Aggressionskrieg gegen Iran aufzunehmen. Aus welchem Schatten tritt Iran? Des Rätsels Lösung finden Sie im Buch.

Wer nach Iran reisen möchte, der dürfte mit diesem Buch eine der besten Vorbereitungen getroffen haben. Und nach dem Lesen alles selbst im Land in Augenschein zu nehmen, ist der beste Dank an die Arbeit der Autorin.

Hier folgen einige Zitate in lockerer Folge aus dem Vorwort eines Buches, das ich nur jedem wärmstens empfehlen kann:

„Selbstbild, Fremdbild – wie die Iraner sich selber sehen und wie sie aus dem Westen betrachtet werden, das ist der Ausgangspunkt dieses Buches. (Aus dem Vorwort, S. 7) … Mein Bild von Iran beruht vor allem auf meinen eigenen Erfahrungen. Es ist also der Natur nach subjektiv, auch wenn ich mich um etwas bemühe, was im Fall Iran selten eingefordert wird. Ausgewogenheit. (S. 9) … Ich war eine Art Märtyrerin und erlebte zum ersten Mal, wie Iraner das Leiden verehren, wenn es dem Kampf gegen Unrecht geschuldet ist. (S. 10) Das Selbstwertgefühl der Iraner weist viele Brüche auf; ihnen wird in diesem Buch immer wieder nachgegangen, denn sie scheinen mir ein Schlüssel zum Verständnisses des Landes zu sein. … Sich zugleich überlegen und unterlegen zu fühlen, ist ein typisch iranischer Komplex. … Viele Iraner wünschen sich sehnlich, die Isolation zu überwinden und wieder als geachtetes Mitglied der Gemeinschaft der Nationen zu gelten. Da es der Westen war, der die Islamische Republik unter Bann gestellt hat, galt jeder westliche Tourist früher als möglicher Vorbote eines Tauwetters. Heute, da Besucher in größerer Zahl kommen, fungieren sie als Kronzeugen einer neuen Zeit. (S. 10-11) … Iran fasziniert mich, weil es sich schnellen Deutungen immer entzieht. … Komplex sind die Machtstrukturen und Entscheidungsprozesse, der ständige Konflikt zwischen den theokratischen und den republikanischen Elementen des Systems. (S. 12) … Tatsächlich hat die Frage, wie westlich sie sein wollen und wie sie sich zu einer westlich definierten Moderne verhalten, die Iraner seit mehr als einem Jahrhundert immer wieder umgetrieben. Die Frage begleitet deshalb auch dieses Buch. (S. 13)“

Buchbesprechung: Wiedemann, Charlotte: Der neue Iran. Eine Gesellschaft tritt aus dem Schatten. München: dtv, 2017.

Joby Warrick: Schwarze Flaggen

Warrick, Joby: Schwarze Flaggen. Der Aufstieg des IS und die USA (Aus dem Amerikanischen von Cornelius Hartz); Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2017; 388 Seiten

Wer kennt nicht den IS und seine Machenschaften? Überall, wo man hinsieht, dreht es sich um den IS und seine Handlanger. Die Berichterstattungen gleichen sich und bald weiß der Zuhörer bzw. Zuschauer oder Leser nicht mehr, wer eigentlich von wem abschreibt. Lange genug sind die Werbesendungen des IS hingenommen worden, ohne dass dagegen eingeschritten wurde. Mittlerweile melden die Nachrichten, dass auch die Hochburg des IS, nämlich die irakische Stadt Mossul im Norden des Iraks eingenommen wurde. Das will aber noch nichts heißen, zumal sie ihre Machenschaften international verteilt haben. Wir dürfen noch mit einigem rechnen, so mich nicht alles täuscht.

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Wie kam es aber zum IS? Neben dem verstorbenen Scholl-Latour, der sich in der Szene sehr gut auskannte, hat mich bislang noch kein anderer Autor so überzeugt, wie Joby Warrick, ein Journalist der Washington Post. Durch langwierige und detaillierte Recherchen ging er der Rolle der USA bei der Entstehung der IS nach. Herausgekommen ist ein Buch, das sich spannend liest und dennoch sehr ausgewogen die Hintergründe schildert, die zur Entstehung des IS führten. Das Buch, das den Pulitzer-Preis gewann, schließt mit einem Nachwort, den Anmerkungen zu den einzelnen Kapiteln sowie einem Register, um die einzelnen Stellen leichter zu finden.

Wer sich selbst ein Bild machen möchte von dem, was zu einer der tragischsten Vorgänge auf der politischen-religiösen Bühne des angehenden 21. Jahrhunderts führte, der liest dieses Buch am besten selbst. Für mich bleibt es immer wieder ein Buch, das ich gerne wieder hervorhole, wenn es um den IS geht.

Die Experten, die die Profile der neun Täter (des Pariser Anschlags) untersuchten, bescheinigten dem IS eine geradezu geniale Rekrutierungsstrategie. Die alte Erfolg versprechende Formel aus Zarqawis Zeit – gewalttätige junge Männer in noch gewalttätigere junge Dschihadisten zu verwandeln – funktionierte bei den neuen europäischen Rekruten des IS ganz ausgezeichnet. Alain Grignard, einer der für Terrorismusbekämpfung zuständigen belgischen Beamten, glaubt, dass Jugendliche, die in Stadtvierteln mit hohem Migrantenanteil und ausgeprägten Bandenstrukturen aufwachsen, ganz instinktiv den Zusammenhang zwischen Respekt und Furcht verstehen. Der IS bedient sich derselben Codes wie die Gangsterbanden, und zugleich bietet er seinen jungen Rekruten etwas, das die meisten von ihnen zu Hause niemals hatten. ‚Da drüben in Syrien haben sie endlich einmal das Gefühl, dass sie jemand sind‘, so Grignard. ‚Wenn dir da jemand in die Quere kommt, kriegt er kurzerhand eine Kugel in den Kopf. Der Islamische Staat nimmt das Credo der Straßengewalt und legitimiert es.

(S. 363)

Laura Secor: Children of Paradise

Secor, Laura: Children of Paradise. The Struggle for the Soul of Iran. New York: Riverhead Books, 2016. (Electronic Edition)

Ein Buch, auf das mich ein bekannter deutscher Verleger aufmerksam gemacht hat. Er hatte sich Gedanken gemacht, ob er die Übersetzungsrechte dieses Buches einfordern sollte. Ich habe es ohne sein Wissen gelesen, um ihn damit zu überraschen. Es ist ein interessant geschriebenes Buch über die politische Lage in Iran, vor allem, wie die jetzige Regierung mit der Jugend umgeht. Jedes Thema ist aus der Sicht von Beteiligten geschrieben, was das Buch sehr interessant werden lässt. Bei aller Sympathie, die ich für das Buch hege und auch für die darin angesprochenen Probleme, wünschte ich mir dennoch eine etwas distanziertere Betrachtung.

Der Autor ergreift Partei für die Belange derjenigen Menschen, die der Regierung kritisch gegenüberstehen. Die meisten Länder, die sich im Mittleren und Nahen Osten für eine demokratische oder republikanische Regierungsform entschieden haben, haben Mühe, das Phänomen der Opposition richtig einzuordnen. Dass es dennoch geht, zeigt dieses Buch, das ebenfalls nur reifen Lesern zu empfehlen ist, allerdings erleichtert auch hier eine Bibliografie sowie ein Schlagwort- und Personenregister das Auffinden wichtiger Passagen. Wer nicht Gefahr laufen möchte, über Iran nur pauschal zu urteilen, dem sei dieses Buch auf jeden Fall ans Herz gelegt. Für eine Übersetzung wünsche ich mir eine knappere Ausgabe des Originals und vielleicht ein Nach- oder Vorwort, das das Buch in das alltägliche Geschehen in Iran einordnet. Auf jeden Fall zeigt das Buch die Wege, wie Opposition im Land betrieben werden kann, ohne gleich militant zu werden. Beileibe keine leichte Aufgabe. / Zürich und Teheran, im Januar

Aus dem Vorwort der Schluss:  What follows is not the history of the Islamic Republic of Iran. That would be presumptuous if not impossible for a foreign reporter to write. This is a book about real people, some more famous or more admirable than others, but people whose complex and imperfect lives illuminate the passages through which they’ve traveled. There are no American protagonists and no American policy prescriptions. It is a book about Iranians, and it is a history – a hidden history, for the most part, of a powerful and protean current in the political and intellectual life of a nation.