In Iran oder Im Iran?

Vor vielen Jahren fragte mich jemand in einem der Foren, die ich früher öfters besuchte, etwas über die Artikel im Deutschen, wenn es um Ländernamen geht. Dies ist ein Ausdruck aus der Antwort von damals. Die genaueren Umstände sind mir entfallen. Daher bringe ich hier mutatis mutandis alles so, wie ich auf die Frage geantwortet habe, bis auf eine Ergänzung und einige kleine Änderungen im Text. Das kursiv Geschriebene steht in direktem Zusammenhang zur Frage oder ist die Frage selbst:

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  • „Interessant wäre auf jeden Fall zu wissen, worin die (wenigen) männlichen Artikel vor Ländernamen wie Iran, Irak, Tschad etc. ursprungsetymologisch wurzeln, die inzwischen im Politiker-Speak auf der Tabuliste stehen …“
    Irgendwann hatte mich das als Sprachlehrer aber auch als Iraner sehr gestört, dass Iran ständig mit einem Artikel geschrieben wird. Im Laufe der Jahre habe ich einige kluge Antworten erhalten, die mich alle nicht so recht zufrieden stellten. Der Duden empfiehlt ohne Artikel und gibt aber auch an, dass der Artikel ebenfalls Verwendung findet. Damit konnte ich ebenfalls nichts anfangen. Und wenn wir die Medienlandschaft ansehen, dann benutzen einige den Artikel (Tages-Anzeiger, SZ u.a.) und andere (NZZ, FAZ, SZ, Spiegel etc.) wiederum nicht. Auffallend ist, überall wo Orientalisten journalistisch wirksam sind, fällt der Artikel bei Iran weg; viele in der Medienlandschaft folgten dieser Gepflogenheit ihrer „gelehrten“ Kolleginnen und Kollegen (einzig die SZ folgt einem gemischten Sprachgebrauch, den ich nicht nachvollziehen kann, obwohl ich mich dort ebenfalls schon mit Beiträgen zu Wort gemeldet habe). Ist es also dem Einzelnen überlassen, wie er sich zu verhalten habe? Was ist dann Sprachgefühl, wenn sich einige dafür oder dagegen entscheiden können? Aus der Sicht des jeweils Anderen lässt der Benutzer jegliches Sprachgefühl vermissen. Hier also meine Antwort, die ich auch auf meiner Homepage veröffentlicht hatte, aber im Zuge der Migration der Homepage auf verschiedene Server verloren ging. Daher erfolgt hier zum ersten Mal eine Neufassung dieser Gedanken, ohne die Antwort einiger Kollegen und Kolleginnen in diesem Forum vorzugreifen, deren Sprachkenntnis ich sehr zu würdigen weiß:„Inzwischen bin ich dank der Veröffentlichung eines interkulturell-arabisch gebildeten Kirchenmannes auf eine einleuchtende Begründung dafür gestoßen, wieso das AA so erpicht darauf ist, Irak und Iran im Deutschen doch um des lieben Friedens willen bloß nicht mit einem männlichen Artikel zu verwenden: Des Rätsels Lösung – im Arabischen gelten Ländernamen grundsätzlich als weiblich.“
    Seltsam, ich habe das ganz anders gelernt. Nach langem Recherchieren und Anfragen bei Kollegen, komme ich zum gegenteiligen Schluss. Auf jeden Fall ist der Artikel im Arabischen neutral; wird das Nomen jedoch zusammen mit einem Adjektiv erwähnt, zeigt sich erst das Geschlecht des Nomens. Und beim Irak wird das Adjektiv immer männlich dekliniert, so dass die Fachleute daraus schließen, Irak müsse männlichen Geschlechts sein. Ich habe mir Ihren Verweis im Internet angesehen („Das Arabische unterscheidet nicht zwischen männlichem und weiblichen Artikel. Im Arabischen gelten Ländernamen grundsätzlich als weiblich und werden in Verbindung mit anderen Wörtern als weiblich behandelt, unabhängig von der Form. Nach deutschem Sprachgefühl dagegen müsste Irak männlich sein.“), komme aber zum gegenteiligen Schluss: Wenn im Deutschen Irak mit männlichem Artikel geschrieben wird, dann entspräche das auch der Deklinations-Regel im Arabischen. Daher heißt es also zu Recht: der Irak. –
  • Anders ist es jedoch mit Iran:
    Die persische Sprache kennt keinen Artikel.
    2. Die persische Sprache kennt auch keine gechlechtsspezifische Deklination. (Es existiert nicht einmal ein geschlechtsbezogenes Pronomen.)
    3. Aus den beiden vorher genannten Punkten können wir schließen, dass Iran auch im Deutschen ohne Artikel zu stehen habe. Wer also Iran ohne Artikel schreibt, dürfte auch der Sprache der Iraner gerecht werden.
    4. Es fragt sich dennoch, wie der Artikel für Iran in die Sprache eingeschleust worden ist. Meine einzige Erklärung wäre folgende:
    Der erste längere und für die Kultur so wichtig gewordene Kontakt zum Westen erfolgte für die Iraner über Frankreich. Es ist allgemein bekannt, dass nicht nur Iraner, sondern vor allem alle arabisch sprechenden Völker Mühe haben, zwei Konsonanten ohne Verbindungsvokal (oder Fugenvokal) auszusprechen. (Erstaunlicherweise haben auch Spanier „Españia“ diese Eigenart.) Daher mutierten die „Franken“ zu „Faranken“; und weil das „k“ für die damaligen Iraner, die vor allem türkischstämmig vertreten waren, ebenfalls zu schwer auf der Zunge lag, mutierte das Wort weiter zu „Farangen“, was bis heute im Wort „Farangi“ als Oberbegriff für Fremder/Ausländer erhalten geblieben ist. Und weil, wie wir ja jetzt schon mehrmals gehört haben, die Franzosen sämtliche Länder mit Artikel belegen, die meisten davon männlich, ist es wohl ein Leichtes zu schließen, wie dann der Artikel zu Iran auch von Iranern selbst ins Deutsche eingeschleust wurde. Iraner, die nach der Namensänderung von Persien zu Iran – (eine Namensänderung, die uns die Pahlawi-Dynastie unter Reza Schah beschert hat; vorher und für eine kurze Zeit sogar unter Reza Schah hieß das Land „Persien bzw. Persia“; ab ca. 1935 steht Iran als Ländername fest, was auch nach der Revolution nicht geändert wurde) – mit der deutschen Sprache in Berührung kamen, benutzten sofort den männlichen Artikel für ihr Vaterland. Da – außer bei den Orientalisten und Sprachwissenschaftlern – sehr lange nicht bekannt war, dass Persisch keiner semitischen sondern der indo-germanischen Sprachgruppe angehört und somit auch nicht wie die arabische Sprache zu behandeln sei – auch kulturell zählen die iranischen Stämme nicht zu den Arabern –, und weil Irak und Iran sehr ähnlich klingen, wurden beide Ländernamen mit dem gleichen Artikel versehen.Fazit: Nach allem Gesagten steht für mich fest, dass „der Irak“ völlig korrekt ist und „Iran“ keines Artikels bedarf. Vieles lässt sich zwar mit Sprachgefühl erklären, doch manchmal geht die Sprache eigene Wege.Diese Erklärung betrifft nur Ihre Frage im Titel und bezweckt überhaupt keine Erklärung für eine allgemeine Regel bei der Vergabe von Artikel oder der näheren Bestimmung bei geographischen Namen oder gar deren geschlechtsspezifische Zuordnung. (Ihr Versuch nach einer Regelung wie Ir-an, Sud-an, Om-an, etc., die allesamt einen männlichen Artikel haben, trifft – zumindest für Iran – nicht mehr zu.

Farsin Banki

Gewalt in Hamburgs Straßen

 

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Copyright: Hamburger Abendblatt

 

Das Treffen der G20 in Hamburg wurde durch die fulminanten Straßenkämpfe überschattet. Auch ich bin der Meinung, dass Opposition sein muss und demonstriert werden darf, doch wenn die Gewalt solche Ausmaße annimmt, dann muss sie ihren Zweck in Frage stellen lassen. Wir unterschätzen das diplomatische Geschäft extrem. Viele solcher Treffen dienen in der Regel auch dazu, dass sich die Staatschefs persönlich wieder begegnen, wie im Fall Trump und Putin ja geschehen. Es hat sogar sofort Früchte gezeigt.

Die Frage bleibt dennoch, warum ausgerechnet diese 20 Länder dazu gehören sollen? Viele wichtige Länder in Afrika waren nicht dabei, auch asiatische Länder könnten noch etwas dazu beitragen. Die von Schmidt seinerseits zum ersten Mal eingeführte Sitzung mit den Länderchefs – zu Beginn waren es nur einige, wenn mich nicht alles täuscht 5 – diente dazu, dass sich die Regierungsoberhäupter dieser wichtigen Länder für einige Tage ungestört über alles austauschen konnten, was die Weltpolitik betrifft. Der Austausch hatte zur Folge, dass sich die Politik international harmonisierte und vor bösen Überraschungen gefeit war. Es lässt sich fragen, ob das bei so vielen Ländern ebenfalls gelingt. Das bezweifle ich. Warum sich die wichtigsten Wirtschaftsnationen nicht untereinander treffen können, ohne dass dann gleich wieder geschrien wird, verstehe ich nicht ganz. Ist es der Neid der Besitzlosen? Echte Sorge um die Weltpolitik? Wir leben doch in einer Demokratie, wo sich jeder frei äußern kann und auch in die Opposition gehen kann, ohne um Leib und Leben zu fürchten. Die Diskussion darüber ist noch nicht ausgestanden. Fragt sich nur, welche Form ein solches Treffen in Zukunft einnehmen soll. Es lohnt sich, über die Organisation solcher Treffen und wer daran unbedingt teilnehmen soll, nachzudenken. Bin gespannt! / 11. Juli 2017

Der Weg zum Studium

Der Weg zum Studium
Ohne Worte.

Immer wieder wurde über dieses leidige Thema gesprochen, diskutiert und geschrieben. Es ist und bleibt das brisanteste Thema aller Zeiten. Nicht nur damals, als ich studierte, sondern auch heute wieder spüre ich dies an allen Ecken und Enden. Die Bildung bleibt ein Privileg von finanziell besser gestellten Studierenden.

Die vielen Stipendien und Hilfen aus Stiftungen werden in der Regel nur denjenigen vergeben, die sich in ihren Leistungen entsprechend ausweisen können. Dabei wird oftmals vergessen, dass diese sich zuerst das Rüstzeug erlernen müssen, was hier gerade in den Eignungstests vorausgesetzt wird. Schulbildung bleibt ein Filter, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Hier wird entschieden, wer es später in die höchsten Höhen der Chefsetagen schafft. Bildung für alle? Welche Bildung denn? Die Kriterien für eine Bildung werden bereits im Vorfeld entschieden. Sie sind nach dem sogenannten Bildungsbürgertum ausgerichtet, das durch seine Herkunft bereits im Vorteil ist. Ich möchte hier nicht auf die vielen Belege hinweisen, die immer wieder gebracht wurden, wenn es um den sogenannten elaborierten Code geht. Diese von Bernstein aufgestelle Hypothese (auch Defizithypothese genannt) hat sich über die Jahre leider bewahrheitet.

Dies ganz unabhängig davon, dass unsere moderne Gesellschaft ohne Bildung gar nicht mehr existenzfähig sein wird. Doch immer mehr wird deutlich, wie durch die Technologie der Mensch vom Joch der routinierten Arbeit befreit wird. Wir haben nach der industriellen Revolotion bereits mehrere weitere Revolutionen durchlebt, die jedes Mal daran zu erkennen sind, dass Millionen von Arbeitsplätzen durch die Technik ersetzt wird. Doch das ist ein anderer Gedankenstrang, den ich hier nur antönen wollte.

Mir fällt nun auf, dass sich das Sprachniveau, von dem Bernstein ja ausgeht und die sich auf die Sapir-Whorf-Hypothese beruft, dass Sprache nämlich das Denken forme – die ursprünglich von Wilhelm v. Humboldt vorweggenommen wurde –, dass sich also das Sprachniveau immer mehr angeglichen hat. Dies hat die Verbreitung der Sprache über moderne Kommunikationsmittel und -technologien ermöglicht. Über Fernsehen, Sateliten und dem Internet natürlich hat nun jeder die Möglichkeit, auf die Sprache der Bildungsbürger zuzugreifen und sich damit auch selbst weiterzubilden. Nachtigall ick hör dir trapsen!

Hatte nicht seinerseits Ivan Illich in seiner Streitschrift „Die Entschulung der Gesellschaft“ dies nicht nur gefordert, sondern auch vorausgesehen?! Heute sind wir bereits soweit, dass die Schule nicht mehr der (H)Ort ist, um sich Wissen anzueignen. Die Lehrer sind schon längst damit überfordert. Und je länger, je mehr wird deutlich, welche Machtfunktion sie ausüben. Die unterschiedlichen Funktionen, die die Schule bislang ausgeübt hat und immer noch auszuführen hat, wie zum Beispiel die qualitative, selektive und integrative Funktion – übrigens alle und noch viele mehr von dem verstorbenen Kollegen und Freund Theodor Ballauff in seinem exzellenten und bislang unübertroffenen Buch „Die Funktionen der Schule“ zusammengetragen und kommentiert –, lassen sich auf verschiedenen Ebenen nachvollziehen und auch auflisten. Warum sich die Bildungspolitiker angesichts der Herausforderung durch die virtuellen Medien immer noch nicht auf ein neues Bildungswesen einigen können, ganz zu schweigen ein solches allererst zu entwerfen, bleibt mir ein Rätsel. Die Bielefelder Laborschule eines Hartmut von Hentig kommt dagegen geradezu altbacken daher, obwohl sie heute noch weiter betrieben wird. Als Pionier und Vordenker einer ganzen Generation sollte er dennoch wieder gelesen werden. Vielleicht entdeckt ja der eine oder andere dort Ideen, wo er sie nicht vermutet hätte.
/ Zürich, 20.07.2017

Laura Secor: Children of Paradise

Secor, Laura: Children of Paradise. The Struggle for the Soul of Iran. New York: Riverhead Books, 2016. (Electronic Edition)

Ein Buch, auf das mich ein bekannter deutscher Verleger aufmerksam gemacht hat. Er hatte sich Gedanken gemacht, ob er die Übersetzungsrechte dieses Buches einfordern sollte. Ich habe es ohne sein Wissen gelesen, um ihn damit zu überraschen. Es ist ein interessant geschriebenes Buch über die politische Lage in Iran, vor allem, wie die jetzige Regierung mit der Jugend umgeht. Jedes Thema ist aus der Sicht von Beteiligten geschrieben, was das Buch sehr interessant werden lässt. Bei aller Sympathie, die ich für das Buch hege und auch für die darin angesprochenen Probleme, wünschte ich mir dennoch eine etwas distanziertere Betrachtung.

Der Autor ergreift Partei für die Belange derjenigen Menschen, die der Regierung kritisch gegenüberstehen. Die meisten Länder, die sich im Mittleren und Nahen Osten für eine demokratische oder republikanische Regierungsform entschieden haben, haben Mühe, das Phänomen der Opposition richtig einzuordnen. Dass es dennoch geht, zeigt dieses Buch, das ebenfalls nur reifen Lesern zu empfehlen ist, allerdings erleichtert auch hier eine Bibliografie sowie ein Schlagwort- und Personenregister das Auffinden wichtiger Passagen. Wer nicht Gefahr laufen möchte, über Iran nur pauschal zu urteilen, dem sei dieses Buch auf jeden Fall ans Herz gelegt. Für eine Übersetzung wünsche ich mir eine knappere Ausgabe des Originals und vielleicht ein Nach- oder Vorwort, das das Buch in das alltägliche Geschehen in Iran einordnet. Auf jeden Fall zeigt das Buch die Wege, wie Opposition im Land betrieben werden kann, ohne gleich militant zu werden. Beileibe keine leichte Aufgabe. / Zürich und Teheran, im Januar

Aus dem Vorwort der Schluss:  What follows is not the history of the Islamic Republic of Iran. That would be presumptuous if not impossible for a foreign reporter to write. This is a book about real people, some more famous or more admirable than others, but people whose complex and imperfect lives illuminate the passages through which they’ve traveled. There are no American protagonists and no American policy prescriptions. It is a book about Iranians, and it is a history – a hidden history, for the most part, of a powerful and protean current in the political and intellectual life of a nation.